Aktion kritischer Schüler_innen Tirol


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Kapitalismus. Macht. Schule.

15. Januar 2015

Die systematische Vernichtung der Individualität.

Das österreichische Schulsystem und der Kapitalismus mögen auf einen oberflächlichen ersten Blick nicht allzu viele Gemeinsamkeiten aufweisen. Sobald man aber ein Geschichtsbuch aufschlägt, kommt man nicht darum herum, festzustellen, dass sogar die Geburtsstunde der Schulpflicht aus einer kapitalistischen Motivation heraus erfolgte: Hinter Maria Theresias Einführung der Schulpflicht stand nämlich eine ökonomische Idee. Das Ziel der damaligen Ausbildung war es, qualifizierte Arbeitskräfte für die Wirtschaft, Verwaltung sowie das Militär zu schaffen, die mit der Ausweitung des Habsburgerreiches immer mehr benötigt wurden. Maria Theresia brauchte mehr gebildete, fähige Leute, die ihr dabei halfen, die Stabilität des Landes zu gewährleisten und das Wirtschaftswachstum Österreich-Ungarns zu sichern

Wir lernen für das Leben, nicht für die Marktwirtschaft?!

Das Ziel einer kapitalistisch geprägten Schule ist auch heute noch die Bereitstellung jener Anzahl an gebildeten Menschen, die von Wirtschaft und Politik benötigt werden. Es liegt hierbei nicht im Interesse der Bildungsinstitute, allen Schüler_innen die bestmögliche Bildung zu gewährleisten, denn ein funktionierender Kapitalismus braucht auch eine breite, weniger gebildete Arbeiter_innenschaft. Das Menschenrecht auf die beste Bildung für alle wird somit zweitrangig.
Schon während der Schulzeit zeichnet sich ab, dass der Großteil der Schüler_innen zu stummem Gehorsam erzogen wird. Das System zur Leistungsüberprüfung, so wie es in Österreich heute vorhanden ist, zielt bloß darauf ab, auswendig gelernte Dinge auf Knopfdruck aufzusagen. Kritisches Hinterfragen oder Verständnis des Gelernten ist meist nicht nötig, um gute Noten in der Schule zu erlangen.

Schüler_innen wird zu Beginn ihrer Schulkarriere eingetrichtert, sie würden den Schlüssel zum Erfolg in eigenen Händen halten, es herrscht der Mythos der „Chancengleichheit“. Gleichheit für alle Kinder, unabhängig von ihrem sozialen Hintergrund, ist in der Realität allerdings nur am Papier gegeben.

Spätestens im Alter von zehn Jahren werden junge Menschen in Österreich in Hauptschule, Neue Mittelschule und Gymnasium eingeteilt, und entgegen einer weit verbreiteten Annahme von Chancengleichheit, belegen zahlreiche Studien, dass die Herkunftsfamilie eine wesentliche Rolle bei dieser Einteilung spielt. Österreichs Schulsystem neigt dazu, die Kinder, denen aufgrund ihrer sozial schwächeren Stellung ein höherer Lernaufwand nachgesagt wird, in jene Schulen zu stecken, die nach Außen hin den Ruf haben, „schlechte“ Bildungs- und Erziehungsarbeit zu leisten. Die Kluft zwischen Kindern aus Akademiker_innenfamilien und jenen aus Arbeiter_innenfamilien, deren Elternhaus ihren Nachwuchs meist weniger unterstützen kann, wird somit vertieft. Ein von Marktwirtschaft geprägtes System benötigt genau jene zwei Klassen, und deshalb wird von neoliberalen Parteien wie der ÖVP auch wenig bis gar nichts unternommen, um diese Kluft zu überbrücken.

Das Dilemma mit den Noten: Ich bin 1…und du bist 5?

Die Absicht des österreichischen Bildungssystems ist nicht die Vermittlung von Wissen, sondern die „Erziehung [der Schüler_innen] zum selbstbewussten Konkurrenzobjekt“, so Freerk Huisken, Verfasser des Werkes Erziehung im Kapitalismus. Von Klein auf wird Schüler_innen anerzogen, dass es niemals genügt, nur gut zu sein, sondern dass es notwendig ist, besser als alle anderen zu sein.

Noten sind ein Instrument um diese Einstellung zu fördern, und Schüler_innen in zwei Klassen zu kategorisieren. Noten sind immer relativ, sie geben nicht etwa über die tatsächlichen Kompetenzen eines_r Schülers_in Auskunft, sondern lediglich darüber, welche Leistung der_die Schüler_in im Vergleich zu seinen_ihren Klassenkamerad_innen erbracht hat. Ein_e durchschnittliche_r Schüler_in schneidet in einer eher leistungsschwachen Klasse tendenziell besser ab, in einer leistungsstarken Klasse hingegen gehört er_sie zu den schlechteren Schüler_innen.

Noten sollten eigentlich widerspiegeln, ob der Unterricht und somit auch das Wissen bei den Schüler_innen angekommen ist, allerdings zeigen sie nur, wie gut man zu einem bestimmten Zeitpunkt Gelerntes wiedergeben konnte. Es wird keinerlei Wert darauf gelegt, dass dieses Wissen verstanden, beibehalten oder gar reflektiert wird. Dieses Merkmal spiegelt sich auch in jüngsten Schulreformen wie der Zentralmatura wider. Man versucht, alle Menschen in ein Schema zu pressen, sie aufs Auswendiglernen und Nachsagen zu trainieren. Individualität und eigene Gedanken sind hier fehl am Platz.

Humboldts Vision: Der Traum von einer idealen Schule?

Laut Humboldt, dem erstem Wissenschaftsminister Preußens, soll Lernen der Ausformung der Persönlichkeit dienen. Schulen sollten jungen Menschen helfen, ihre Persönlichkeit zu entwickeln und ihnen beibringen, wie man sich bestmöglich in der Welt zurechtfinden kann. Die Aufgabe der Lehrperson ist es dabei, sich und ihre Anleitungen Schritt für Schritt überflüssig zu machen und die Kinder und Jugendlichen zu eigenständig denkenden, selbstverantwortlichen Menschen heranzuziehen. Ist dieses Ziel erreicht, so ist der_die Schüler_in reif genug, auf eigenen Beinen zu stehen und in die reale Welt hinaus zu gehen.

In einem Schulsystem, so wie es Humboldt skizziert, sind Noten und Sitzenbleiben überflüssig. Wozu werden diese auch benötigt, wenn der Sinn der Schule Persönlichkeitsentwicklung, nicht Wissensaneignung ist?

Die Erziehung junger Menschen zu „Fachidiot_innen“, deren Ausbildung einem rein einseitigen, wirtschaftlichen Zweck dient, hält Humboldt für wenig sinnvoll. Seiner Meinung nach ist das eigentliche Ziel von Bildung Persönlichkeitsentwicklung, nicht das Erlernen von Fachwissen.
Humboldts Idee war damals revolutionär, intelligent, modern. So modern, dass sie sogar heute noch nicht in den Köpfen der meisten Politiker_innen angekommen ist. Bildung darf nicht „verzweckt“ werden, nicht im Sinne des Wirtschaftswachstums missbraucht, denn ansonsten verfehlt sie ihren eigentlichen Zweck: Junge Menschen zu kritischen, selbstständigen Persönlichkeiten heranzuziehen.